Warum es uns so schwer fällt unsere Meinung zu ändern

Eine Großzahl der aktuellen Konflikte der Welt, seien sie politischer, religiöser oder anderer Natur,
lassen sich im Kern auf die kognitive Dissonanz zurückführen, die zwangsläufig entsteht, wenn
diskrepante Überzeugungen in der direkten oder indirekten Diskussion aufeinandertreffen.
Doch warum ist das so ? Evolutionär argumentiert sollte man doch davon ausgehen können, dass
das Akzeptieren schlüssig dargelegter und logisch korrekter Argumente und Fakten eine
Kernkompetenz des Menschen darstellt. Wie kann es also sein, dass scheinbar fast immer dann,
wenn verschiedene Meinungen in einer emotional aufgeladenen Diskussion aufeinanderprallen, die
rationale Gesprächskultur zwangsläufig verloren zu gehen scheint ?

Im Jahr 2014 führten Wissenschaftler des Boston College eine Reihe von psychologisch motivierten
Studien durch, um dieses Phänomen zu ergründen. Sie ließen verschiedene politische oder religiöse
Lager (zum Beispiel Demokraten und Republikaner) einschätzen, in wie weit ihr eigenes Handeln
und das Handeln der jeweils anderen Gruppe von Liebe und in wie fern von Hass motiviert sei. Es
zeigte sich, dass beide Gruppen ihr eigens Handeln als primär von Liebe und das des Gegenüber als
hauptsächlich durch Hass geleitet sehen.

Hier liegt offensichtlich ein logischer Widerspruch vor. Es können nun mal schlecht beide Parteien
Recht haben. Der Fehler muss also in der grundlegenden Selbsteinschätzung des Menschen liegen.

Aber wie kommt es zu dieser fehlgeleiteten Wahrnehmung?

In einer Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen am menschlichen Gehirn haben Forscher
herausgefunden, dass immer dann, wenn innerste Überzeugungen, die für die Selbstwahrnehmung
und Identitätsdefinition des Individuum essentiell sind, angezweifelt werden, ganz bestimmte
Hirnareale aktiv sind. Im Besonderen gilt das für den dorsomedialen präfrontalen Kortex.
Dieser ist vor allem beteiligt am Handlungsentwurf als Reaktion auf signifikante emotionale Reize
und greift somit genau in ebendiesen Debatten.

Der Verlust rationaler Argumentation ist also auf einen Abwehrmechanismus des Gehirns
zurückzuführen, denn durch das häufig unterbewusst stattfindende Einnehmen einer Art “geistiger
Abwehrhaltung“ soll die Identität des Selbst gewahrt werden.

Dieses Verhalten nennt sich „ motive attribution asymmetry “ und beschreibt das menschliche
Denken und Handeln in emotional aufgeladenen Situationen. Eben beispielsweise in politisch –
und/oder ethnisch-religiösen intersubjektiven Konflikten.

Ein Beispiel für ein vergleichbares Phänomen ist das der psychologischen Reaktanz, dessen
Betrachtung allerdings den Rahmen dieses Essays sprengen würde.

Meiner Meinung nach lassen sich viele der uns heute prägenden Konflikte auf dieses
Verhaltensmuster bzw. ganz besonders auch auf das fehlende Bewusstsein bezüglich dieser
speziellen Funktionsweise des menschlichen Gehirns zurückführen.
Daher stellt der Prozess des Bewusstwerdens und der Akzeptanz dieser Sachverhalte einen
wichtigen Schritt hin zu einer rationaleren und vor allem auf gegenseitigem Austausch basierenden
Gesprächskultur dar.

Nicht umsonst sagte schon Nietzsche : „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als
Lügen. “

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